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Kooperation Judith Butler und GeStiK

Der zweite öffentliche Vortrag von Judith Butler im Rahmen ihrer Albertus-Magnus-Gastprofessur an der Universität zu Köln, „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“, fand in Kooperation mit GeStiK statt. Im Anschluss daran gab es ein inhaltliches Austauschtreffen, an dem auch über mögliche zukünftige Kooperationen gesprochen wurde. Gerade weil wir bei GeStiK einen Schwerpunkt auf „queer“ legen sind wir sehr glücklich über vier Veranstaltungstage mit Judith Butler und die Möglichkeit eines intensiven und hoffentlich anhaltenden Dialoges.

 

 

Wissenschaft und Aktivismus - Judith Butler in Köln

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Köln, 10.8.2016

In Zeiten globaler Schieflagen und Konflikte werden wir Zeug_innen von vermehrten Ab- und Ausgrenzungen. Hier ist die Wissenschaft nicht nur als beschreibende, analysierende Instanz gefordert. Vielmehr ist sie dazu aufgerufen, sich dieser Phänomene anzunehmen und sich in den laufenden Diskursen zu verorten.

Schon Wochen vor Ihrer Ankunft zierten Plakate mit Judith Butlers Gesicht die Gänge der Universität zu Köln. Mit ihrer Ernennung zur Albertus-Magnus-Professorin reihte sie sich in eine Reihe von bedeutenden Theoretiker_innen ein. Unter anderem waren schon Noam Chomsky, Martha Nußbaum oder Bruno Latour Träger_innen der vom Philosophischen Seminar der Universität zu Köln ins Leben gerufenen Gastprofessur. Ziel der Professur ist es, wichtige Themen unserer Zeit durch öffentliche Seminare und Vorlesungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies sei, wie es der Direktor des Thomas-Instituts Prof. Andreas Speer in seinem Grußwort der Veranstaltungen stark machte, Universität in ihrem eigentlichen Sinne. Ein „akademischer Ausnahmezustand“, der an antike Traditionen der Lehre anknüpfe. Mit Butler habe nun eine Persönlichkeit die Professur inne, deren Theorien kontrovers diskutiert werden, die aber auch den Wissenschaftsbetrieb und vor allem das Leben und den Alltag Einzelner stark geprägt hat. Dies drückte sich auch in dem breiten Zuspruch für Butlers Ernennung aus – was auch ein wichtiges Signal für die Gender und Queer Studies an der Universität zu Köln darstellte.

Zum ersten Mal wurde eine Kooperation zwischen dem zentralen Institut GeStiK (Gender Studies in Köln) und dem Philosophischen Seminar im Rahmen der Albertus-Magnus-Professur möglich.

In ihrer ersten Vorlesung, die Butler, wie alle anderen Veranstaltungen, auf Deutsch hielt, sprach sie zu „Ethik und Kritik der Gewaltlosigkeit“. Sie knüpfte hier an ihre Überlegungen und Erkenntnisse aus Raster des Krieges (2010) und Am Scheideweg (2013) an. So stand die Betrauerbarkeit im Mittelpunkt ihrer Ausführungen: welche Leben werden eigentlich betrauert oder nicht und warum existieren diese Ungleichverhältnisse in und zwischen Gesellschaften. Dieses Ungleichgewicht der Betrauerbarkeit zeichnete Butler an aktuellen Ereignissen, wie z.B. den Morden an People of Color durch weiße Polizist_innen in den USA in den vergangenen Jahren, nach. Auch die aktuelle Situation von Geflüchteten zeige nachdrücklich, welchen Leben ein Betrauert-werden zugestanden würde und welche Leben enden, ohne dass dies von einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werde.

In der Vorlesung verknüpfte Butler die Frage der Betrauerbarkeit mit dem foucaultschen Theorem der Biopolitik, durch die sie die Relationen zwischen Gewalt, Gruppen und Subjekten veranschaulichte. Anhand der vermeintlich defensiven Figur der Selbstverteidigung verdeutlichte Butler die diskursive Logik, der ein aufgewertetes Selbst unterworfen ist. In Fällen der Selbstverteidigung sei, so Butler, jegliches Tötungsverbot, das wir normalerweise als moralisches Gebot anerkennen, nicht absolut. Das Absurde daran sei, dass das sich verteidigende Subjekt nicht mehr an moralische und/oder institutionelle Weisungsbefugnisse halten muss. Fälle der Selbstverteidigung seien jedoch nicht zwangsläufig an ein einzelnes Subjekt geknüpft. Nach Butler gibt es noch ein „erweitertes Selbst“, d.h. dass Individuen ihnen nahestehende Personen verteidigen und in diesen Fällen auch kein universales Tötungsverbot mehr greife. Die „Gruppe des Selbst“ würde hierbei von der einzelnen Person individuell festgelegt. Die Problematik bestünde also darin, dass Personen meist Beziehungen zu „Ähnlichen“ oder „Gleichen“ pflegen und somit immer eine Barriere zwischen „den Meinigen“ und „den Anderen“ entstünde. Dadurch, dass beim erweiterten Selbst und der Verteidigung dessen kein absolutes Gewaltverbot mehr geboten sei, führe dieses Setzen von Differenzen zu einem andauernden „potentiellen Kriegszustand“. Die Unterscheidung zwischen „den Meinen“ und „den Anderen“ stellte Butler als höchst fragwürdig heraus. Darüber hinaus machte sie klar, dass vollkommene Gewaltlosigkeit eine Utopie ist, die jedoch wichtige Denkprozesse über eine gewaltlose Praxis und das Überwerfen von Abgrenzungskonzepten ermögliche. Zur Überwindung dieser Denkmuster bedürfe es einer „kritischen Geduld“ und eines ständigen Reflexionsprozesses, aber auch politischer Konsequenzen, die durch eine bestimmte veränderte, moralische Haltung entstünden.

Ihr öffentliches Seminar am darauffolgenden Tag begann Butler mit der Frage, welche Bedeutung Recht(e) in ihrem Konzept der Gewaltlosigkeit spielten. Hierbei machte sie klar, dass Gewalt als „interpretationsbelastetes Schema“ verstanden werden müsse. Somit stelle sich auch die Frage nach der Definition von Gewaltlosigkeit in den Aushandlungen um Rechte immer wieder neu. Die Rückfragen der Teilnehmenden, die sich um das Attentat in Orlando, aber beispielsweise auch um die Silvesterereignisse in Köln drehten, verdeutlichten, dass Butlers Ansätze in Anbetracht der momentanen weltgesellschaftlichen Lage aktueller denn je sind.

Mit ihrer zweiten Vorlesung „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“ rückte Butler Fragen des widerständigen Handelns in den Mittelpunkt. Sie machte sich für eine Mobilisierung von Verletzlichkeit stark, durch die politische Bewegungen entstehen könnten. Hierbei ging sie vor allem auf die (infra-)strukturellen Verletzlichkeiten ein, von denen marginalisierte Gruppen im Besonderen betroffen sind. Unter diesen fasste sie z.B. das Abgeschnitten-Sein durch schlechte Straßen und Transportwege oder eine fehlende Grundversorgung. Das Ausgesetzt-sein in einer Verletzlichkeit könne ein Instrument des Widerstandes sein, um bestimmte Praxen und Personen sichtbar werden zu lassen – auch wenn sich das Individuum zeitgleich durch das eigene Exponieren verletzbar macht. Widerstand könne dann dazu dienen, zum Beispiel die gleiche Absicherung von Lebensbedürfnissen zu erlangen oder Aufmerksamkeit auf queere Perspektiven zu lenken. Verletzlichkeit sei dann eben nicht mehr als passives Nicht-agieren-können zu verstehen, sondern besäße empowernde Potentiale. Dennoch mahnte Butler an, dass Verletzlichkeit immer auch Personen markiere und somit schnell zu einem paternalistischen „Helfen“ oder „Unterstützen“ führen kann, was nicht den Bedürfnissen derer entspricht, die sich der Verletzlichkeit aussetzen.

Noch stehe eine konkrete Verknüpfung zwischen dem Konzept der Gewaltlosigkeit und dem der Verletzbarkeit, wie Butler auf Nachfragen einräumte, aus. Trotzdem verdeutlichte sie in ihren Ausführungen, dass es Denkentwürfe und Utopien bedarf, um das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen, andere Perspektiven einzunehmen und sich über Verletzbarkeiten bewusst zu werden. In Köln, das nach den Ereignissen an Silvester zu einem Ort von unterschiedlichsten Diskursen über „die Fremden“ geworden war, aber vor allem um die Frage kreiste, wer als beschützenswert gilt und wer durch wen oder was beschützt werden muss, sind Butlers Ausführungen von besonderer Relevanz. Die Berichterstattung über die Ereignisse führte eindrucksvoll vor Augen, wie sich Grenzen zwischen dem Eigenen und Fremden und somit auch dem Beschützenswerten verschieben können. Plötzlich waren es „die Anderen“, die sexistisch sind und „die eigenen Frauen“ bedrohten. (Weiße) Frauen* wurden somit in ihrer Position zu einem beschützenswerten, einem verletzlichen Gut degradiert, das es durch paternalistische Eingriffe zu schützen gälte. Auch hier positionierte Butler sich ganz klar und kommentierte die Rückfrage, ob es denn als Akt des Widerstandes gewertet werden könne, als Frau* nachts auf die Straße zu gehen mit „In Cologne? Yes!“. Denn gerade in dieser Stadt bedeute das Sich-Aussetzen in dieser Verletzlichkeit auch Widerstand gegen die paternalistischen Zuschreibungen des „Beschützenswerten“ zu leisten.

Judith Butler zeigte sich für viele Besucher_innen der Veranstaltungen einmal mehr als zentrale Bezugsperson für eine wissenschaftliche Praxis, die politischen Aktivismus nicht ausschließt. In ihren Veranstaltungen argumentierte Butler „gegen eine Haltung, die Differenzen gegeneinander ausspielt, ‚Eigenes’ gegen ‚Fremdes’ in Stellung bringt und prekarisierte Leben die Unterstützung verwehrt“ und trat ein für „ein Ende der ‚Politik der Ähnlichkeit’ eines homogenisierten, zu beschützenden Wir´s“, wie es Susanne Völker von der zentralen Einrichtung für Gender Studies GeStiK in der Eröffnungsrede zum zweiten Vortrag ausdrückte. Vielleicht ist es genau dieses Eintreten und das Verkörpern einer bestimmten Haltung, warum Butler für viele Menschen zum „Popstar“ avancierte und die Kölner Veranstaltungen einen so großen Zulauf von unterschiedlichsten Personen hatten.

Nach vier Tagen „Butler-Mania“ blieb vor allem eines: die Gewissheit, dass die Gender- und Queerstudies auch in Köln ihren Platz gefunden haben. Und dies ist nicht zuletzt dem jahrelangen Engagement einzelner Akteur_innen zu verdanken, die sich, wie Judith Butler, immerzu für ein kritisches Umdenken einsetzten.

 

Meike Eiberger

Universität zu Köln, Methoden der Bildungs- und Sozialforschung unter besonderer Berücksichtigung der Genderforschung

Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog Feministische Studien: http://blog.feministische-studien.de/2016/08/wissenschaft-und-aktivismus-judith-butler-in-koeln/.

 

 

Stellungnahme zur Silvesternacht in Köln

Köln, 10.1.2016

Geht es um Schutz?

Expansion sexualisierter Gewalt und rassistische Instrumentalisierungen.

Die exzessive sexualisierte Gewalt gegen Frauen* in der Silvesternacht insbesondere in Köln, aber auch Hamburg bestürzt, erfüllt mit Wut und Schmerz. Es geht jetzt darum, bei denen zu sein, die dieser Gewalt begegnet sind, durch sie verletzt wurden, es geht darum die konkreten Gewalterfahrungen zu thematisieren, sexuelle Gewalttaten zu benennen und die Debatte nicht diskursiv zu verschieben. Und gerade deshalb, weil es darum geht, diese Gewalt zurückzuweisen und ihr entschieden entgegenzutreten, gilt es ihre sozialen Dynamiken und Logiken zu verstehen.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* hat eine andauernde Geschichte in patriarchalen Gesellschaften, in denen die Dominanz des zum ‚eigentlich Menschlichen’ verallgemeinerten Männlichen in unterschiedlichen kulturellen, religiösen und (geo-)politischen Konstellationen in Ost und West, Norden und Süden praktiziert wird. Die Frage der Akzeptanz oder Verurteilung von sexualisierter Gewalt wird dabei unterschiedlich beantwortet. Und es ist Ausdruck jahrzehntelanger Kämpfe von Frauen*bewegungen und ihren Allianzen, wenn es gelingt, die Gewalt in nicht-öffentlichen, ‚privaten’ Räumen, in Verwandtschaftsbeziehungen publik zu machen und zu ahnden oder immer wieder erneut den öffentlichen Raum als für alle Geschlechter legitimen (und dies wird allzu oft eben nicht nur Frauen* verwehrt) zu erstreiten. Die Versionen patriarchaler Dominanzen und Varianten ‚Männlicher Herrschaft’ (Bourdieu) sind vielfältig und sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, physischen Gewalthaftigkeit und rechtlichen Absicherung bzw. Begrenzung; sie treffen diejenigen, die als Frauen klassifiziert werden, wie auch – mit ähnlichen und anderen Attacken und Regulierungen – jene, die für Geschlechter und Sexualitäten jenseits heteronormativer Legitimationen einstehen.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* konstruiert ‚Frauen’ und markiert Körper in besonderer Weise als (physisch, psychisch und sozial) verletzbar und verletzungsoffen. Sie ist darauf aus, souveräne Handlungsmacht zu erlangen und die Adressatinnen* ohnmächtig, handlungsunfähig zu machen. Sexualisierte Gewalt ist eine Praxisform zwischen (heterosexuellen) Männlichkeiten, bei denen Frauen* und andere Andere zum Spiegel eigener Handlungspotenz und auf diese Weise instrumentalisiert werden.

Die weltweite Expansion von sexueller Gewalt gegen Frauen* (aber auch von Homo- und Transphobie, was nicht das Gleiche, aber eben davon auch nicht zu trennen ist) hat ihren Grund in den gegenwärtigen globalen Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnissen und in der – politischen und sozialen – Logik, mittels der diese (re-)instituiert werden: Es ist – wie Judith Butler sehr eindrücklich bereits anhand der Zäsur des 11. September 2001 für die US-amerikanische Politik George W. Bush’ herausgearbeitet hat – die Logik des Krieges.

Mit Kriegserklärungen und Ausnahmezuständen haben Frankreich und Belgien die Terroranschläge in Paris beantwortet und damit das vermeintliche Zur-Rechenschaft-Ziehen der Verantwortlichen in der Form einer Kriegshandlung durchgesetzt. Mit der Verstärkung und Schließung von Grenzen, dem faktischen Außerkraftsetzen der Genfer Menschenrechtskonvention, der Aushöhlung des Asylrechts haben zahlreiche europäische Regierungen auf die Bewegung der vor Krieg und unerträglichen Lebensbedingungen Flüchtenden reagiert. Die Lager, in denen geflüchtete, entwurzelte und vielfach traumatisierte Menschen untergebracht werden, sind nicht allein Ausdruck der überforderten Kapazitäten aufnahmebereiter Gesellschaften, sie artikulieren vor allem auch Politiken der Abgrenzung, Konstituierung von Wir-Gruppen und von Lagerinsassen, die sich als integrationsfähig zu bewähren haben – oder eben nicht.

Die direkten Kriegshandlungen in Syrien, forciert durch den Terror des IS, sind mit der Bildung und Vervielfältigung unterschiedlicher, sich zum Teil in tödlicher Feindschaft gegenüberstehender Gruppen verbunden, die sich womöglich auf Generationen gegenseitig Berechtigung und Lebensrechte absprechen.

Zugleich und damit verbunden diffundieren in privilegierten, dominierenden, geschonten Ländern – etwa Westeuropas – Kriegslogiken und bestimmen soziales und politisches Handeln: durch die Gegenüberstellung von Wir-Gruppen und nicht (vollständig) in ihren (Lebens-)Rechten anerkannten ‚Anderen’. Gegenwärtig fachen rassistische und islamophobe Ausfälle diese Kriegslogiken in schrecklicher Weise an und machen Geflüchtete zu verhassten, bedrohlichen Anderen, deren Lebensrechte zur Disposition stehen.

Es sind diese Kriegslogiken, die die Frage von Geschlecht und sexualisierter Gewalt in besonderer Intensität thematisieren und aktualisieren.

Dies zeigt sich einmal in der Frage der Männlichkeit: der Krieg ist nicht nur ein Schauplatz der Artikulation und Reproduktion von Männlichkeit(-en), er ist das ernsteste der ernsten Spiele der ‚Männlichen Herrschaft‘. Zu einem Zeitpunkt, zu dem diese ‚Männliche Herrschaft’ – etwa in der Sozialfigur des weißen, europäischen, heterosexuellen, (post-)kolonialen Mannes – ins Wanken gerät, d.h. in der die Herrschaft dieser unmarkierten und bislang geschonten Männlichkeit nicht unbefragt bleibt, ja konkurrierende Männlichkeiten die eigene Partikularität ausstellen, ist der Zugriff auf ‚Frauen’ – als Adressatinnen* eigener Potenz und/oder als schützenswertes abhängiges ‚Gut’ ein probates Instrument zur Wiedererrichtung einer zentrierten Männlichkeit.

Dies drückt sich aktuell in den heterogenen, breiten, männlichkeitsfundamentalistischen Rechtsbündnissen aus: die massive Androhung von sexueller Gewalt gegen Gender- und Sexualitätsforscher_innen im sozialen Netzen sind nur die Rückseite der männlichen, rassistisch agierenden Frauenbeschützer, die gegen ‚andere’, ‚braune Männer’ als vermeintliche Vergewaltiger (‚weißer’) Frauen mobilisieren.

Der zweite Punkt ist damit die Instrumentalisierung von Frauen* als Beutegut zwischen Männern/ Männlichkeiten, denen Handlungsmacht und Subjektstatus entzogen wird – entsprechend der Kriegslogik.

Was bedeutet das alles in Bezug auf die Silvesternacht in Köln?

Ich schreibe hier – und auch dies zeigt, wie Geschlecht mit anderen Positionen der Bevorzugung und Benachteiligung verknüpft ist – als weiße Mittelschichtsfrau. Und insofern wäre noch einmal zu unterscheiden, in welchen Weisen und Konfigurationen welche ‚weißen Frauen’ zum ‚Gegenstand’ patriarchalisch-paternalistischer Politiken werden.

Sie sind sicher nicht von den kolonialen Politiken betroffen, die Gayatri Chakravorty Spivak früh (im Original 1988) für women of color treffend beschrieben hat: „Weiße Männer retten braune Frauen vor braunen Männern“, sondern profitieren und partizipieren an postkolonialen Rassismen und Dominanzen. Dennoch werden auch die mit der Klassifikation ‚weiße Frau’ Bezeichneten (d.h. die durch sie Bevorteilten und Adressantinnen* von Sexismus) erneut zum Beschützenswerten zwischen ‚weißen Männern’: „Frauen und Kinder zuerst!“.

Erfahrene Gewalt, Schmerz und Trauer ebenso wie die Zurückweisung von Sexismus und Gewalt und das Recht auf öffentlichen Raum werden auf unerträgliche Weise für rassistische Zuschreibungen instrumentalisiert. Es geht daher ebenso darum, die Essentialisierung und Kulturalisierung von Tätergruppen zurückzuweisen.

Und es geht zuvorderst darum, die Dynamiken des Krieges, der Kriegsführung und der Gruppenbildung und die damit verbundenen zerstörerischen Unterwerfungs-, Ohnmachts- Verletzungsdynamiken zu durchbrechen. Das hieße, (körperliche) Unversehrtheit auf der Grundlage der prinzipiellen Verletzbarkeit von Leben, und damit auch von allen Menschen gleich welchen Geschlechts, zu ermöglichen und gesellschaftlich zu halten. Es hieße der Verletzbarkeit, der Prekarität von Leben Beachtung zu schenken, sich ihr zuzuwenden: konkret, im Einzelfall und Überall.

Sicher geht es dabei auch um Schutz gefährdeter Leben, vor Gewalt, vor Verfolgung, vor Krieg, vor Diskriminierung, vor Sexismus, vor Rassismus; es geht um den Schutz von Menschen, deren Leben, Körper, Begehren nicht normativen Vorgaben entsprechen. Es wäre aber eine Art ‚Schutz‘, der sich auf Konvivialität, auf ein egalitäres Teilen von Welt (Irigaray), auf die Ermöglichung von nicht externalisierten Differenzen bezieht.

Doch solange wir (ein jeweils zu positionierendes ‚wir’ queer-feministischer Allianzen) von einem Schutz sprechen, der patriarchal gewährt und verteilt wird, haben wir der kriegerischen Struktur der ernsten Spiele ‚Männlicher Herrschaft‘, die Frauen* als Frauen konstituiert, noch nicht wirklich etwas entgegengesetzt.

 

Susanne Völker

GeStiK-Team